Versuch eines kolumnenartigen Blogs

Die Bahn ist super! oder: dieser Blog ist (nicht) gekauft | Jun 07th 2009

Dieser Artikel beschäftigt sich mit den klugen Marketing-Strategien der Bahn.
Es war einmal in einem Land in dem die Bahn immer rechtzeitig fuhr… Ja, lieber Leser, wir leben schon in diesem Utopia! Ich habe in meiner täglich Berlin-Frankfurt-Uelzen-München-Reise noch nie eine Verspätung gehabt! Die Bahn ist einfach klasse.
Bisher habe ich nur von einigen Miesepetern gehört, dass es soetwas wie Verspätungen geben soll. Ich als komplett unabhängiger, von der Bahn nicht bezahlter Blogger, wollte das Nachprüfen und rief bei der Bahn an. Eine sympathische Servicemitarbeiterin konnte mich beruhigen: „Hätte es so etwas wie ein Zuspätkommen der Bahn gegeben, hätte die DB schnell und unbürokratisch allen Fahrgästen ihren Fahrpreis zu 378% erstattet. Ich finde es im Übrigen extrem schön bei der Bahn zu arbeiten.“
Fazit die Bahn ist top, top, top.
Im Übrigen: die Privatisierung der Bahn würde das vielleicht noch besser machen! Meine Berlin-Frankfurt-Uelzen-München-Reise wäre dann auch schneller abgefahren.

Hach, wie wäre es schön, wenn die Bahn mich gekauft hätte. Wer es noch nicht mitbekommen hat: die Bahn hat – neben der recht umfassenden Mitarbeiterüberwachung – über 1 Million Euro in Werbemaßnahmen gesteckt… die wohl nicht wirklich als solche erkennbar waren. D.h. Forenbeiträge, Blogs, Umfragen usw.
Umfragen? Ja. Warum auch nicht? Man muss ja nur die „richtigen“ Fragen stellen. Oder die Fragen aus dem Kontext reissen. Oder in einen beeinflussenden Kontext stellen. Oder falsche Schlüsse ziehen. Oder die „richtige“ Zielgruppe befragen.

Fiktive, vermutlich so nicht gestellte, Beispiele:
1) Die Bahn ist ein nicht wegzudenkendes Beförderungsmittel. Würden sie Langstrecken über 1000km lieber mit der Bahn oder mit dem Auto fahren?
Ich weiß ja nicht, was für ein Autojunkie man sein muss um da „Auto“ zu antworten.

2) Was machen sie, wenn sich ein Stau kilometerweit bis vor Ihre Haustür zieht und sie schnell und mobil in die Stadt wollen um AAA-Batterien zu kaufen? Auto oder Bahn?
Schon wieder wäre ich ratlos, wenn jemand darauf versessen wäre, mehrere Stunden wartend im Auto zu verbringen. Aus dem Kontext gerissen könnte man sagen: x % wählen bei schnellen, mobilen Fahrten in die Stadt die Bahn.

3) Er findet Bahn zu fahren besser als Auto zu fahren. Falsche Schlussfolgerung: Er hasst Auto zu fahren.

4) (Meine absolute Lieblingskategorie:) Wenn ich jetzt die komplett entnervten Bahnkunden, die gerade erfahren haben, dass alle Züge wegen Streik nicht fahren, frage, ob sie Verständnis für den Streik haben, wird das Ergebnis relativ klar ausfallen…

Ein Klassiker, den man auch in der deutschen Werbelandschaft antrifft, ist die %-der-Leserinnen-Umfrage. 87% der Leserinnen fanden, dass das Produkt super-klasse-extrem-wirksam ist. Wie kommen diese Werte zu stande? Ich kann ja schlecht jede oder jeden Käufer/in abfangen und eine kleine Meinungsumfrage starten. Nun ja, es gibt die Möglichkeit kleine Proben in das Heft zu kleben, dazu eine Postkarte mit der um Rückantwort gebeten wird.
Wer gibt dann die 45 Cent für Briefmarken aus, um seine Stimme abzugeben? Wer macht sich die Mühe damit zum Briefkasten zu latschen? Wer will da seine Daten angeben, wenn es sich z.B. um ein Cellulite-Produkt handelt? Oder wer will überhaupt Daten von sich auf diesem Wege verbreiten?
Sicher nicht die Menschen, die das Produkt scheiße fanden.
Und warum sind es dann nicht 99 oder 100%? Ich denke, dass es schon zu sehr nach DDR aussieht. Außerdem wirken 87,38% schon viel realistischer und sind dennoch stark überzeugend.

Nun gut bzw. schlecht, zurück zur Bahn. Als ich mir meine Beispiele so durchlese fällt mir auf, dass die Autoindustrie besonders gut wegkommt: weil ich die Bahn schlecht mache.
Hier will ich einiges richtigstellen:
1. die Autoindustrie hat vermutlich eine noch bessere Lobby als die Bahn. Abwrackprämie nenne ich hier als Stichwort.
2. Opel hat eine Werbeanzeige für ziemlich viel Geld u.a. bei der Süddeutschen Zeitung geschaltet. Steuergeldeeeeeeeer (Bitte bei der Aussprache immer leiser werden).
3. große Stromkonzerne und ihre Preise sind auch nicht von schlechten Eltern
4. die Lebensmittellobby ist auch gut dabei. Stichwort Verpackungsinhaltgrößen und keine „Ampel“-Kennzeichnung.

Was mich an der Bahn so extrem nervt ist, wie man aus einer eigentlich guten Sache so viel Mist bauen kann. Dabei hat die Bahn ja ein Quasimonopol. Zudem ein Top-Produkt. Und was will man machen? Kurzfristige Gewinnsteigerung durch Privatisierung. Und was macht man? Mitarbeiterüberwachung und Schlechwerbung.
Da fällt mir eigentlich nur „Allder,echt ey.“ ein.

Mir kommt es vor, als würden wir in einem Land leben, in dem Politiker und Wirtschaft kurzfristig denken und der Einfluss der Lobbyisten größer ist, als der der Wähler. Schade.

Der Autor

Artikel von Tagesschau.de:
Die Bahn und die Schleichwerbung
Artikel über Lobbyarbeit
„Staatskonzern außer Kontrolle“

Der Blog von Lobbycontrol.

Über die Werbeanzeigen von Opel in dem Blog auf informelles.de.


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