Versuch eines kolumnenartigen Blogs

SPD – adé | Nov 03rd 2008

„Maßlos enttäuscht“ ist Frau Ypsilanti in Hessen. Sie hat weniger gezockt und verloren, als Roland Koch gezockt und gewonnen hat.

Soweit ich mich erinnern kann hat R.K. die Unterzeichnung des Gesetzes zur Abschaffung der Studiengebühren verweigert, weil die SPD einen wichtigen Passus vergessen hatte. Koch war der Fehler aufgefallen, hat aber die SPD voll reinwatscheln lassen. (Selbst „tapsen“ klingt für das spd’sche Verhalten etwas zu würdevoll.)

Nun, geschadet hat es ihm nicht. Große Entrüstung und viel Gemurmel machten sich breit und Ypsilanti beschloss sich jetzt doch von den Linken wählen zu lassen.
Auf die SPD ist eben Verlass. Zumindest, wenn es um die Selbstzerfleischung geht. Da macht man – zur Sicherheit – Probeabstimmungen, die recht gut für die – so scheint es – angehende Ministerpräsindentin von Hessen laufen und dann läuft es doch schief.
Weil neben Frau Metzger, die es schon angekündigt hatte ihre Stimme zu verweigern, sich drei weitere sehr parteitreue und ganz besonders ehrliche, aber leider etwas kurzentschlossene, SPD-Abgeordnete dagegen entschieden haben, die Frau mit Anfangsbuchstaben Y zu wählen.

Walter, Everts und Tesch heißen die drei „Genossen“, die keine sind.
Walter, übrigens Stellvertreter Ypsilantis und direkter Konkurrent und Verlierer im Kampf um den Ministerpräsidentenkandidatur, gesteht ein, dass er zu spät Zweifel geäußert habe. Auch weil man ihm dann vorgeworfen hätte, dass er das nur aus persönlichen Gründen – um Ypsilanti zu schaden – diese Kritik angebracht hätte. Er hat sich richtig entschieden und so sieht sein Umgang mit Frau Ypsilanti auch gleich viel besser und fairer aus.

Aber auch die anderen haben ihr Gewissen befragt und entschieden, YXZilanti die Stimme erst im
letzten Moment zu verweigern. Zu Recht! So hat man gezeigt, dass man fast alles gemeinsam hat, aber den letzten kleinen Punkt nicht.
Eine große und faire Geste.

Und nun? Ypsilanti weggemeuchelt und die hessische SPD in handlich kleinen Bröseln.

Und nun? Kandidat Koch klopft keck. Derselbe Typ der in Hessen gewalttätige Ausländer als größtes Problem und Bedrohung sieht.

Oder?

Ich habe die Lösung: alle Die Linke – Wähler müssen bei der kommenden Hessenneuwahl ihre Stimmen auf die etablierten Parteien verteilen, die sich infolge dessen komplett auflösen, denn: wer möchte schon mit Stimmen von den Linken in das Ministerpräsidentenamt gewählt werden?

Mit aufrichtigen Grüßen

Der Autor

P.S.
Das ganze Debakel wird nicht nur die Springerpresse freuen. Auch der Tagesspiegel hat in einem äußerst einfühlsamen und jounalistisch-distanzierten Artikel vor einigen Tagen eine Stellungnahme zu Frau Ypsilanti abgegeben.

Ich möchte mich mit einigen Zitaten daraus und den Link dahin dafür nochmals ganz ausdrücklich bedanken:
„Tricksilanti“ schimpfte man sie zuletzt und „Lügilanti“. (Was für ein Artikelbeginn!)

Kann auch er (Al-Wazir) ihr noch gefährlich werden? (Das „auch er“ klingt klasse.)

Das hessische Bündnis mit den Altkommunisten(…) (Vorsicht! Altkommunisten!!)

(…)aber der Koch, der musste weg(…) (Menno.)

Als machtgeil gilt sie seitdem. (Was Politiker im allgemeinen ja eher nicht sind.)

Vor allem die südhessische SPD war schon immer eine spezielle Ecke der Politlandschaft, eine Art Widerstandsnest der SPD, geprägt von einer lokalen Ballung der Aufmüpfigkeit. In ihrem Einzugsgebiet hat die IG Metall ihren Hauptsitz, der DGB hatte lange eine Schule für Führungspersonal. Aus Frankfurt kamen 68er, Flughafengegner und Hausbesetzer. Hier sind Politiker sozialisiert worden wie die widerständige Heidi Wieczorek-Zeul oder „Dynamit-Rudi“ Arndt, unter anderem Oberbürgermeister von Frankfurt, der 1965 die zerbombte Alte Oper sprengen lassen wollte, statt sie neu aufzubauen. (Dynamit Rudi!! IG Metall, DGB, oje oje! Und wo man auch hinsieht sozialisierte Politiker.)

„Isch musste misch immer durschbeißen, auch in meiner Partei“, sagte sie gern in ihrem Frankfurter Dialekt. (Der Autor des Artikels hat vorher Groschenromane geschrieben.)

Allein schon ihre Gestik: Der bodenständige Politiker nimmt gern die geballte Faust. Sie legt lieber Daumenspitze und Zeigefingerspitze zusammen, um ihre Zuhörer gleichsam aufzuspießen. (Der bodenständige Politiker, der nimmt die Faust. Nicht mal die Gesten sind richtig!!)

Und: Sie denkt in Fernzielen. (Vorsicht!! Fernziele!!!)

Ihr Blick glitt auch im Gespräch oft durch den Raum, abwesend, unruhig, wachsam, als sondiere sie ein Schlachtfeld. Ihr Lachen knipste sie aus, als der offizielle Teil vorbei war. (Der gelernte Groschenromanschreiber erzeugt eine Gänsehautstimmung durch Aneinanderreihung mehrerer Adjektive.)

Der ganze Artikel ist hier nachzulesen oder aber im Tagesspiegel am 31.10.08 auf Seite drei. (Nur zur Erinnerung: Tagesspiegel ist Holtzbrink nicht Springer…)

Pressekodex (leider in Vergessenheit geraten) (treffende Auszüge):
- Wahrung der Menschenwürde
- Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.


2 Kommentare »

  1. Da der Tagesspiegel in diesem Fall nicht aufhört mit Häme und Hass, sollte er weigstens diesen schönen Artikel zu Gesicht bekommen.

    Kommentar von quixote — November 18, 2008 @ 11:22

  2. Hmm…
    Auf jeden Fall eine fertige Geschichte. Außer Acht gelassen werden darf meiner Ansicht jedoch auch nicht, dass Frau Ypsilanti im Wahlkampf jede Unterstützung, und sei es auch nur die Tolerierung,nicht einmal um die Regierungsbeteiligung ging es dabei, durhc Die Linken kategorisch ablehnte. Sie hätte sich ein Vorbild an Kumpel Ole von Beust nehmen sollen. Der hat damals NICHT ausgeschlossen, mit Schill zu koalieren. Wie klug. Gelogen hat er nämlich zwar nicht, aber er beging eine unsagbare Dummheit. Aber dieser machtungeilste aller Politiker konnte das damals natürlich überhaupt nicht wissen. Und: Schill wolte,ganz im Gegensatz zu den Hessen-Linken, die Mauer nicht wieder aufbauen!!
    Was genau ist nun eigentlich das Problem,sich von den Linken tolerieren zu lassen?

    Kommentar von Jakob — Dezember 1, 2008 @ 7:01


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