Deutschland im Speicherwahn.
Ja, sie könnte Leben retten: die Gesundheitskarte. Wie die Krankenkassenkarte, sieht sie aus, soll aber vom Kinderwagen an von Röntgenaufnahmen bis zu ausgestellten Apothekenrezepten die komplette Patientenakte beinhalten. Im Fall einer Krankenhauseinlieferung nach einem Unfall, könnte der Notarzt schnell auf z.B. Medikamentunverträglichkeiten informiert sein.
Eigentlich klasse.
Wenn nicht das doch nur so einfach wie das Vektorraummodell wäre. Leider verschlingt dieses Raubtier der Modernisierung ziemlich viel Geld. Es muss nicht nur in jeder Praxis zur Verfügung stehen, nein auch die Apotheken sollen damit ausgerüstet sein. Alles wird digital. Von Röntgenbild bis Rezept.
Eigentlich klasse.
Wenn da nur nicht die Bedenken wären. Ein Bedenken ist die Übermittlung von großen Dateien. Das soll über das Internet geschehen. Durch evtl. Computerviren kommen Kriminelle in den Genuß meiner Daten. Eine andere Frage: welche Informationen sich die Ärzte ziehen bzw. abrufen. Muss der Hautarzt eigentlich wissen, welchen Blutdruck ich habe? Oder welchen Knochen ich mir mal brach? Werden die Daten dann von den Ärzten gespeichert? Alle? Können auch dann die Apotheker sehen, dass mir mein Blinddarm entfernt wurde? Kann ich noch überblicken, wer welche Daten nun von mir hat?
In der Praxis stell ich mir dann vor, dass manche der Lesegeräte – wie bei jeder Technik – versagen, Probleme auftreten, meine Karte zerbricht etc. Muss dann der Arzt auf meine Aussage vertrauen, dass ich Morphin unbedingt brauche?
Die Gesundheitskarte soll als Krankenkassenkartenersatz eingeführt werden. Welche Daten bekommt dann meine Krankenkasse? Und: was machen sie damit? Betragssatz neu berechnen?
Sehr viele Fragen zu diesem Thema und dabei wollte ich bei meinen Artikeln eher Punkte und Ausrufezeichen verwenden.
Deutschland befindet sich in einer Datenspeicherungswut. Was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird digitalisiert und gesichert. Es wird immer schwerer sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahrzunehmen. Das liegt auch daran, dass der Überblick, was wo gespeichert ist, fehlt. Zudem wird verschleiert was die weiteren Absichten sind. Wie z.B. beim Mautsystem, das nicht einfach nur für LKW-Fahrer gedacht ist, um für die Benutzung der Autobahn Geld einzuziehen, sondern, das auch Nummernschilder identifizieren kann, also praktisch jeden Schritt jedes Autofahrers überwachen kann.
Und die Vorratsdatenspeicherung von Frau Zypries. Der positive Effekt dieses Gesetzesentwurfs ist verschwindend gering. Der Nachteil und Schaden des demokratischen Systems, das sich durch eine freie und unabhängige Presse auszeichnet, enorm. (Dazu ein Video aus der NDR-Sendung ZAPP vom 26.9.2007)
Dennoch herrscht eine allgemeine Sorglosigkeit in der Bevölkerung. Die Regierung will ja nur Gutes und ist unfehlbar. Klingt leicht nach Hybris.
Und kann es da Zufall sein, dass dieser Name so schön ähnlich klingt:
Hybris Zypries
Verabschieden Sie sich bitte von dem Schwachsinnsargument „ich habe ja nichts zu verbergen“. Man hat ein Recht auf Privatsphäre. In einem schönen Artikel las ich mal, dass man ja auch nicht die Tür zur Toilette auflässt, obwohl man (meistens) nichts Verbotenes dort macht. Ich denke nicht, dass der Staat mich schützt indem er die Klotüren wegsprengt. Der Staat sollte mich schützen, aber auch meine Privatsphäre.
Die letzte Frage dieses Artikel ist: Wann leben wir in einem überwachenden Präventionsstaat und wann wird der Rechtsstaat in Deutschland aufgelöst.
Hochachtungsvoll
Der Autor
P.S.
Artikel zu dem „Argument“ „Wer nichts zu verbergen hat…“ von Michael Lohmann
Wikipedia-Eintrag Gesundheitskarte
Wikipedia-Eintrag Vorratsdatenspeicherung
Apropos (nicht vorhandener) Datenschutz: die neuen StudiVZ AGBs stehen vor der Tür (Spiegel Online)
Natürlich sind die Aussichten alles andere als wünschenswert. Die Kategorie und die dickgedruckten Worte am Anfang des Textes sind auf diesen Artikel zurückzuführen.
Ein weiter Punkt zur Gesundheitskarte:
Üblicherweise beginnt ein Beschäftigungsverhältnis mit der Untersuchung durch den Betriebsarzt. Dieser kann dann alles nachsehen, was ich in meinem Lebenslauf bewusst verschwiegen habe:
Habe ich jemals einen Psychiater aufgesucht?
Gehe ich dort immer noch hin?
Wie beurteilt dieser meinen jetzigen Zustand?
Oder bei den Damen:
Was für Verhütungsmittel wurden verschrieben?
Wurden diese womöglich vor kurzem abgesetzt?
Kommentar von Ulf — Dezember 17, 2007 @ 1:03
wir haben doch nicht mehr 1984, wir leben in 2007, schöne neue Welt.
Es grüßt aus der Ferne:
Orwell aus der Unterwelt (Ach, wir haben sie verloren…), dazu die Gluckarie summend…
Kommentar von Martin — Dezember 18, 2007 @ 9:48